Welchen Einfluss wird der Fachkräftemangel auf die Abläufe am Bau in Zukunft haben?

Redaktion VfA Hessen kommentieren

 

Die Baubranche boomt trotz Corona weiter und der Fachkräftemangel ist weiterhin ein Problem für den Baubereich. Wir haben mit Herrn Dr. Jochen Stürz, Leiter für den Systemrohbau bei der F. C. Nüdling Fertigteiltechnik GmbH + Co. KG über den Einfluss des Fachkräftemangels auf die zukünftigen Bauabläufe gesprochen.

 

Herr Dr. Stürz, wir möchten uns gerne mit Ihnen über das Thema des Fachkräftemangels im Baubereich austauschen. Welche Erfahrungen haben Sie zu diesem Thema gemacht?

 

Dr. Jochen Stürz: Berufe, in welchen körperlich schwere Arbeit Voraussetzung ist, erfreuen sich schon seit Jahren keiner großen Beliebtheit. Ich habe selbst eine Ausbildung zum Maurergesellen absolviert. Die wenigsten meines Jahrganges blieben im Handwerk, sei es, weil sie sich weiterbildeten oder weil sie in eine andere Berufssparte wechselten. Die Auswirkungen sieht man in vielen Bereichen. Die Qualität passt häufig nicht und es gibt weniger qualifizierte Handwerker, als benötigt werden.

 

 

Warum steuert hier aus Ihrer Sicht offensichtlich niemand gegen diesen Trend, bzw. gibt es den eine Möglichkeit gegenzusteuern?

 

Dr. Jochen Stürz: Die meisten Unternehmen im Baubereich haben diesen Trend bereits seit langem erkannt, aber es gestaltet sich schwierig etwas dagegen zu unternehmen. Fachkräfte werden vermehrt aus den europäischen Nachbarländern geholt. Hier ergeben sich dann jedoch oftmals Probleme beim korrekten Ausführen der Arbeiten, z. B. durch Verständigungsschwierigkeiten wegen der sprachlichen Barriere.

 

Viele Architekten sehen die Probleme des Fachkräftemangels beispielsweise in der Bauüberwachung des Rohbaus. Beim konventionell erstellten Rohbau kommt es immer häufiger zu Problemen mit der Qualität, der Maßhaltigkeit und der Termintreue, die sich alle aus dem Fachkräftemangel ableiten lassen. Unser Systemrohbau kann hier durch eine industrielle Fertigung eine höhere Qualität und durch den hohen Grad an Vorplanung auch eine deutlich bessere Termintreue bieten. Diese Vorteile erkennen immer mehr Architekten und steuern somit automatisch gegen.

 

Unternehmen in der Baubranche müssen selbst kreative Wege finden, um den immer weiter voranschreitenden Fachkräftemangel auszugleichen und damit gegen den Trend zu steuern.

 

 

Sie selbst benötigen auch Fachkräfte. Wie gehen Sie mit dem Fachkräftemangel im allgemeinen aber auch speziell in der Produktion um?

 

Dr. Jochen Stürz: Zunächst sind wir sehr froh einen lange gewachsenen Stamm an hoch qualifizierten Mitarbeitern zu haben. Die Verbundenheit der Mitarbeiter ist durch die Geschäftspolitik der vergangenen Jahrzehnte sehr hoch. Aber auch für uns wird es schwierig Kollegen, die altersbedingt ausscheiden, adäquat nachzubesetzen.

 

In der Produktion unterscheidet sich unsere Fertigung im Werk von den Arbeiten auf der Baustelle sehr deutlich. Das Aufmaß der Wände auf dem Schaltisch übernimmt beispielsweise der Plotter direkt. Übertragungsfehler vom Plan in das reelle Bauteil werden somit von vorn herein ausgeschlossen. Die Prozesse sind im Werk deutlich stärker digitalisiert und da wo Handarbeit notwendig ist, viel stärker von Wiederholungen und damit einem erhöhten Standardisierungsfaktor geprägt.

 

Auf der Baustelle, also bei der Montage der massiven Wände und Decken selbst – so ein übliches Einfamilienhaus wird innerhalb von 4 bis 5 Tagen gestellt – sind die Prozesse gegenüber dem konventionellen Rohbau standardisiert und damit weniger fehleranfällig.

 

 

Welchen Einfluss wird der Fachkräftemangel mittel- und langfristig auf die Bauwirtschaft haben?

 

Dr. Jochen Stürz: Am Fachkräftemangel selbst wird sich in den kommenden Jahren leider wenig zum Positiven verändern. In vielen Betrieben sind die Stellen der Vorarbeiter und Poliere aktuell von Mitarbeitern besetzt, die kurz vor dem Renteneintritt stehen. Eine Nachbesetzung ist häufig offen. Daher müssen sich die am Bau beteiligten mit dem systemischen / vorgefertigten Bauen, wie beispielweise unserem Systemrohbau, auseinandersetzen und in ihre Planungsprozesse einbeziehen. Nur so wird zukünftig eine qualitativ hochwertige und termingerechte Umsetzung von frei geplanten Gebäuden möglich sein.

 

 

Interviewgast:

Dr.-Ing. Jochen Stürz

F.C. Nüdling Fertigteiltechnik GmbH + Co. KG

Frankfurter Straße 118-122, 36043 Fulda

Tel. +49 (0)661 4955-40

e-mail: jochen.stuerz@nuedling.de

web: www.system-rohbau.de

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